Leseprobe: Die Shakespeare-Lüge

PROLOG

NORDSEE, IM SOMMER 1609

Die Männer hatten Angst vor ihm.

Es lag an dem Wilden, der ihn begleitete, sagten sie.

»Es sind seine Augen«, dachte Kapitän Harris. Diese ausdruckslosen, dunklen Flecken. Durch sie erschien der Italiener unmenschlich. Unwirklich. Als wäre er nicht unter den Lebenden.

Harris ließ sich davon nicht beeindrucken. Er erkannte in dem Händler mehr eine traurige Gestalt, weniger einen Dämon. Einen Kerl, dem das Leben ordentlich Zunder gegeben hatte. Wie den meisten armen Seelen an Bord. Warum sollte ein Mensch sonst Jahr um Jahr, von Barkasse zu Barkasse in stinkenden Kojen über die Meere segeln? Bis hinüber zu den vermaledeiten Wilden.

Einmal hatte Harris eine halbwegs vernünftige Unterhaltung mit dem Italiener geführt. Seither wusste er, dass der dürre Mann mit der von der Sonne gegerbten Haut und dem von Narben zerfurchten Gesicht sich für wenigstens eine Errungenschaft menschlichen Zusammenlebens interessierte. Das Theater. Aye, man höre und staune! Deswegen hatte Harris den Schiffsjungen beauftragt, den Hamlet auszugraben. Eines dieser Stücke, das einem die Brühe aus den Augen drückte.

Der Rumpf des Schiffes schaukelte, die Fackeln im Zwischendeck erzitterten. Ihr Schein tanzte in wilden Schemen über die Körper der Matrosen in ihrer armseligen Maskerade. Allgemeines Gelächter, als der Erste Offizier in Frauenkleidern die Ophelia gab. Das Gesicht mit Ruß verschmiert. Notdürftige Schminkversuche. Als der Geist des toten Königs auf der Bühne erschien, raunte die Menge.

Einzig der Italiener verzog keine Miene. Rauchte nur weiter dieses stinkende Kraut, das er von den Wilden mitgebracht hatte.

Die Überführung des Thronräubers durch die Theatertruppe, der versehentliche Mord Hamlets am Vater seiner Geliebten, der Selbstmord Ophelias. Nichts. Keine Regung. Es sah fast aus, als wäre der Italiener eingeschlafen.

Als das Stück vorbei war, schlich Harris an ihn heran. Gerade als er vor dem Italiener stand und sich zu ihm herunterbeugte – war er vielleicht tot? – riss dieser die Augen auf. Harris wich zurück, wie von einer Krake angesprungen.

»Das war schön«, murmelte der Italiener, ohne eine Miene zu verziehen. »Wer hat das geschrieben?«

»Ge-, geschrieben?«, stammelte Harris.

»Aye, Capitano. Irgendjemand muss der Schöpfer dieses Werkes sein.«

Harris nickte dem Schiffsjungen zu, der sich durch die Textblätter wühlte.

»Sha — Shaf — Shaks — s – p – r«, stotterte der Junge. »— spere —«

»Shakespeare?«

»Genau – das ist es. William Shakespeare!«

Mit einem Mal sprang der Italiener auf und stieß Harris zur Seite.

»Maledetto stronzo, vai a farti fottere! Tu aspetta, t’ammazzo porco!«

Harris verstand kein Wort von dem, was der Ausländer sagte. Was war bloß in ihn gefahren?

»Warum regt Ihr Euch so auf?«, fragte der Kapitän. »Auf meinem Schiff müsst Ihr Euch benehmen!«

War es wegen Shakespeare? Hatte der Italiener einen Hass auf den Dichter. Aber wieso?

»William Shakespeare ist ein bedeutender Autor. Einer der großen Söhne Englands!«

Der Kapitän wandte sich kopfschüttelnd ab. Da sah er aus dem Augenwinkel, dass der Fremde an seinen Stiefel griff und etwas herauszog. Plötzlich machte der Italiener einen Schritt auf ihn zu, rammte ihn und drückte Harris an die Schiffswand. Mit dem Ellbogen des linken Arms presste er gegen den Hals des Kapitäns und fixierte ihn. Ein unruhiges Gemurmel entstand unter den Männern im Deck. Doch anscheinend waren sie so eingeschüchtert, dass niemand den Mut aufbrachte, etwas zu unternehmen.

Dann spürte Harris den kalten Stahl, der gegen seinen Kehlkopf drückte. Es musste eines von diesen Stiletten sein. Spitze kurze Dolche, die in Italien in den letzten Jahren in Mode gekommen waren. Sie ließen sich leicht zwischen der Kleidung verstecken. Diese verfluchten Dinger waren so schmal, dass sich die Klinge selbst durch die Ringe eines Kettenhemdes bohren konnte.

Harris senkte seinen Blick vorsichtig und konnte sehen, dass er mit seiner Vermutung richtig lag. Die Parierstange des Stiletts war etwa eine Elle lang. Dadurch eignete sie sich bestens, tief in den Körper eines Menschen einzudringen und einem fürchterliche Verletzungen beizubringen, an denen man langsam krepierte.

Doch wenn der Italiener ihn wirklich aufschlitzen wollte, hätte er die Klinge nicht an seinen Hals gelegt, sondern in seinen Bauch gebohrt.

Harris atmete laut hörbar ein und aus. Er starrte dem Italiener direkt in die Augen, unfähig den Blick von ihm zu nehmen. Es erschien ihm wie eine Ewigkeit, dabei konnte es sich nur um Sekunden handeln.

Plötzlich richtete sich der Wilde auf. Ohne ein Wort zu sagen, packte er seinen Herrn an den Schultern und zog ihn weg. Der kalte Stahl entfernte sich langsam von der Haut des Kapitäns, und der spürte, wie sein Kehlkopf sich wieder aufrichtete.

»T’ammazzo porco!«, rief der Italiener. Und dann auf Englisch, ohne Harris oder einen der Männer direkt anzusehen: »Ich bring ihn um, die Sau!«

Bei diesen Worten erschauderte der Kapitän. Der Italiener meinte es bitterernst.

1.

STRATFORD-UPON-AVON, IM FRÜHJAHR 1610

Die Sonne neigte sich über den Hausdächern im Westen. Die Temperatur sank spürbar. Bald würde Nebel aufziehen wie an den vorangegangenen Abenden. Für heute musste sie ihre Arbeit beenden.
Anne legte den Hammer zur Seite und wischte sich den Schweiß mit dem Handrücken von der Stirn. Mit jedem Muskel ihres Körpers spürte sie, dass sie lebte. Sie verließ den Garten und trat, ohne ihre Arbeitskleidung abzulegen, auf die Straße. Schnell würde sie die Bestellung beim Krämerladen abholen und morgen in aller Frühe mit den Ausbesserungsarbeiten fortfahren.

Sie brauchte nicht weit zu gehen. Mercias Geschäft lag zwei Gassen entfernt in der Bridge Street. Stratford war ein beschauliches Städtchen, etwas mehr als tausend Einwohner. In jüngeren Jahren hatte Anne davon geträumt, wie es wäre, in einer Großstadt wie London zu leben. Sie hatte sogar Pläne geschmiedet. Doch die Erfüllung dieses Wunsches war ihr verwehrt geblieben. Mittlerweile spürte sie keine Wehmut mehr, wenn sie daran dachte.

Der Laden befand sich im Erdgeschoss eines schmalen Fachwerkhauses. In dem kleinen Verkaufsraum wurde ein umfangreiches Sortiment angeboten. In der Auslage fanden sich Gebrauchsgegenstände für die Stratforder Hausfrauen – Garn, Nadeln, Spindeln, außerdem Spiegel und Kämme, Taschen und Beutel und allerlei Kleinkram. Für die Männer gab es Hämmer, Sägen, Nägel. Abgerundet wurde das Angebot mit einer Auswahl an Seifen, Gewürzen und Arzneien. Es war ein Rätsel für Anne, wie Mercia es schaffte, all diese Waren auf der begrenzten Fläche zu verstauen, ohne den Überblick zu verlieren.

Was sie heute benötigte, war nicht vorrätig gewesen. Wenn Anne besondere Wünsche hatte, nahm Mercia Bestellungen auf und beschaffte die Ware. Über die Jahre hatte sich eine Freundschaft zwischen den beiden entwickelt.

Als Anne an diesem Abend den Krämerladen betrat, saß Mercia auf einem Stuhl in der Ecke, in der Hand einen Spiegel und betrachtete ihre Frisur. Neben ihr stand Beatrice, mit einem gefüllten Korb voller Lebensmittel im Arm.

»Anne! Dich habe ich seit Ewigkeiten nicht gesehen.«

Früher war auch Beatrice eine gute Freundin gewesen, die regelmäßig Zeit mit Anne verbrachte, heute liefen sie sich selten über den Weg. Vor einigen Jahren, als sie beide kleine Kinder hatten, hatte es mehr Berührungspunkte gegeben.

Mercia verschwand durch den Hinterausgang zum Hof und kam wenige Augenblicke später mit den Holzlatten für Annes Zaun zurück. Schnaufend ließ sie diese vor ihrer Freundin auf den Boden fallen.

»Was ist das? Willst du ein Haus bauen? Hast du niemanden, der dir tragen hilft?«, fragte Beatrice.

»Mach dir keine Sorgen um mich.«

»Unsere Anne versteht schon lange niemand mehr«, sagte Mercia.

Sie lehnte sich auf ein Fass mit Kräutern, verschränkte ihre Arme und blickte Anne keck an.

»Warum suchst du dir nicht jemand, der solche Arbeiten für dich übernimmt? Das Geld hast du.«

»Diese Arbeit macht mir Spaß. Warum soll ich jemanden bezahlen für etwas, das ich selbst erledigen kann?«

»Mädchen, Mädchen.«

Mercia lächelte und schüttelte gleichzeitig den Kopf: »An deiner Stelle hätte ich mir einen Liebhaber gesucht. Wie lange ist dein Mann jetzt fort, 25 Jahre?«

Bei der Erwähnung eines Geliebten lachte Beatrice kurz auf und hielt sich dann verlegen die Hand vor den Mund.

Anne wollte darauf nicht eingehen. Diese Ideen waren typisch für Mercia. Sie gehörte zur Riege der alten Jungfern von Stratford. Allerdings bedeutete das in Mercias Fall nicht, dass sie wirklich unberührt war.

Anne wunderte sich nicht, dass Mercia nie geheiratet hatte, obwohl sie den Männern nicht abgeneigt war. Als unverheiratete Frau konnte sie ihre eigenen Entscheidungen treffen und selbst Verträge unterzeichnen. Nach einer Hochzeit wäre der Ehemann ihr Vormund. Abgesehen von Annes besonderem Fall. Sie hatte sich ihre Freiheit als Geschäftsfrau durch einen Trick zurückerobert.
Nun senkte sie den Blick. Auf keinen Fall wollte sie Mercia die Wahrheit sagen. Dass sie vor vier Wochen einen Mann kennengelernt hatte. Er war ebenso schnell aus Stratford und ihrem Leben verschwunden, wie er gekommen war. Auch einer Freundin musste sie nicht alles erzählen. Vor allem nicht, solange Beatrice im Raum war.

»Ich zähle nicht mehr mit, wie lange es her ist, dass mein Mann aufgebrochen ist«, erwiderte sie daher und legte das Geld für die Holzlatten auf den Tisch.

»Ach, Anne«, sagte Mercia. »Du bist ein stures Weib. Aber vielleicht habe ich dich deshalb so gern!«
Beatrice seufzte und machte Anstalten, das Geschäft zu verlassen.

»Es war schön, dich wiederzusehen, Anne! Bis bald, Mercia!«

»Du gehst schon? Bleib noch ein bisschen. Lass uns über die alten Zeiten reden. Oder weiter über die Frau des Ortsvorstehers tratschen«, bat Mercia.

»Das geht wirklich nicht. Mein Mann kommt bald nach Hause und ich muss das Essen kochen.«

Als sie schon in der Tür stand, wandte sie sich zu den beiden um: »Ihr wisst nicht, wie gut ihr es habt, ohne einen Mann im Haus. Ich wäre liebend gern einmal in der Situation, etwas selbst entscheiden zu müssen.«

Auf dem Weg nach Hause trug Anne die Holzlatten mit beiden Armen umschlossen vor sich her. Wie sie vorhergesehen hatte, legte sich ein Nebelschleier sanft über die Straße. Ihr Anwesen war trotzdem von Weitem zu sehen. New Place. Es war das zweitgrößte Wohngebäude im Ort und das einzige, das komplett aus Ziegelsteinen gemauert war. Die Eingangstür wurde von Säulen umrahmt, die Fenster waren in Erker eingelassen. Es gab zwei Stockwerke. Darüber thronten drei Giebel. Hinter dem Haus befand sich der eigentliche Grund, warum sie den Bau erworben hatte – ein großer Gemüsegarten und zwei Scheunen.

Anne verstaute das Holz in dem Schuppen, der an die zweite Scheune grenzte, und besah sich die Buchsbaumsetzlinge, die sie vor vier Wochen gepflanzt hatte. Die Pflanzen waren einen Zoll gewachsen. Bis sie eine Hecke bildeten, die den Garten in mehrere getrennte Abschnitte teilte, würde es noch lange dauern. Die Idee zu dieser Hecke hatte sie durch Berichte aus Italien bekommen. Dort war es Mode, den Grünanlagen geometrische Formen zu geben. Die wenigen Auskünfte, die Anne zur Gartenbaukunst in Italien bekommen hatte, bestätigten ihre Annahme, dass die Südländer den Inselbewohnern auf diesem Gebiet weit voraus waren. In den Gärten ihrer Nachbarn wucherten die Blumen kreuz und quer zwischen Gemüsestauden. Eine Ordnung ließ sich darin nicht erkennen.
Für Anne waren Pflanzen das größte Geschenk Gottes an die Menschen. Jedes Mal, wenn eine der Frühlingsrosen aufblühte, die sie vorne am Zaun gepflanzt hatte, ging ihr das Herz auf. Anne hatte viele Stunden ihres Lebens dafür aufgewendet, ihren Garten noch schöner zu gestalten und die Gewächse besser zu pflegen, damit sie nicht zugrunde gingen. Leider war es schwierig, in Stratford an Informationen über ausländische Gartenkunst oder gar an die Samen exotischer Pflanzen zu gelangen.

Anne sah sich noch einmal um. Es dämmerte bereits, also ging sie ins Haus. In der Küche traf sie ihre Tochter an. In einem kleinen Topf bereitete diese Rotkohl für das Abendessen zu.
Sie begrüßten sich mit knappen Worten, dann widmete Judith sich wieder dem Kochen. Es machte Anne nichts aus, Zäune zu reparieren oder Ländereien und Häuser zu verwalten, aber sie war froh, dass ihre Tochter ihr die Küchenarbeit abnahm.

Anne stellte einen Brotkorb auf den Tisch, dann setzte sie sich, schenkte sich einen Becher Ale ein und wartete.

Beim Essen sprachen sie kaum. Anne versuchte eine Unterhaltung zu beginnen und fragte, ob Judith heute auf dem Markt mit Thomas gesprochen hatte, dem Sohn des Wollhändlers. Es war offensichtlich, dass der junge Mann ihr schöne Augen machte.

»Bevor ich mit dem rede, beiße ich mir lieber die Zunge ab«, erwiderte Judith knapp.

Anne atmete tief ein. Wie sollte sie ein vernünftiges Wort mit ihrer Tochter wechseln, wenn sie sich derart benahm? Judith war mittlerweile 25 Jahre alt. Zwar waren in diesen wirtschaftlich schweren Zeiten viele Mädchen in ihrem Alter unverheiratet. Die Wollkrise hatte im Warwickshire großen Schaden angerichtet. Die jungen Leute benötigten Jahre, um eine Aussteuer zusammenzubringen, die genügte, um einen eigenen Haushalt zu unterhalten. Und selbst dann lebten viele noch bei ihren Eltern.

Aber die anderen Jungfern fingen in Judiths Alter wenigstens an, ernsthaft nach einem Gemahl zu suchen. So war der Lauf der Welt. Ihre jüngste Tochter konnte nicht ewig allein mit ihrer Mutter leben. Anne war nicht mehr die Jüngste mit ihren 54 Jahren. Was sollte aus ihrer Tochter werden, wenn sie einmal nicht mehr da war?

Judith ging an diesem Abend früh zu Bett. Das war Anne recht. Sie wollte sich in Ruhe der Abrechnung der Pachtverträge widmen. Das Rechnen hatte sie sich, ebenso wie die Grundlagen des Schreibens und Lesens, selbst beigebracht. Darauf war sie stolz.

Anne ging von der Küche in das große Arbeitszimmer im Erdgeschoss, in dem sie ihre Unterlagen verwaltete. Sie lief zum Kamin, einer der zehn Feuerstellen im Anwesen, und entzündete das Holz, das bereits darin lag. Zusätzlich nahm sie eine Öllampe und stellte sie auf den Schreibpult. Als reichste Frau im Ort musste sie mit Lampenöl nicht sparsam umgehen und konnte auch in der dunklen Jahreszeit am Abend ihrer Arbeit nachgehen.

Sie hatte sich gerade hingesetzt und einen Stapel Papiere auf dem Tisch ausgebreitet, als sie vor dem Haus Pferdegetrappel hörte. Sie stand auf, die Lampe in einer Hand, und blickte aus dem Fenster. Der Nebel war in der Zwischenzeit so dicht geworden, dass sie vor dem Haus nur schwerlich etwas erkennen konnte. Das Getrappel hörte auf. Dafür vernahm sie deutlich das Schnauben eines Pferdes und das Scharren von Hufen. Anscheinend hatte der Reiter – oder waren es mehrere? – direkt vor ihrem Haus gehalten. Wer konnte das sein? Jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit?

Anne nahm sich einen Schürhaken von der Feuerstelle. Das Werkzeug war fast neu, die aus Zink geschmiedete Spitze beinahe jungfräulich. Damit konnte man einem Angreifer im Notfall einen gehörigen Stoß versetzen. An der Tür legte sie den Schürhaken kurz ab, um zu öffnen. In der linken Hand hielt sie noch immer die Öllampe. Vorsichtig trat sie auf die Türschwelle und nahm ihre Waffe wieder an sich.

»Wer da?«

Sie rief in den Nebel, in das Nichts hinein. Der Schein der Lampe erhellte den milchigen Dunst, doch erkennen konnte sie nichts. Zwei Reiter traten mit ihren Pferden aus dem Nebel. Anne konnte ihre dunklen Silhouetten deutlich ausmachen. Die Gesichter lagen noch im Dunkel.

Die beiden sagten kein Wort der Begrüßung. Anne schloss ihre Hand fester um den Schürhaken. Einer der beiden Reiter stieg von seinem Pferd und kam mit langsamen Schritten auf sie zu. Anne musterte ihn. Etwa drei oder vier Fuß vor ihr blieb er stehen. Sie nahm die Lampe empor und leuchtete dem Fremden ins Gesicht. Dieser lächelte sie an, sagte aber nichts. Anne ließ den Schein der Lampe über seinen gesamten Körper gleiten, seine Umrisse auskundschaften, dann zurück in sein Gesicht wandern.

Sie schauderte. Dieser Körper, dieses Gesicht. Sie kamen ihr bekannt vor. Sie musste sich nur einige Pfunde um die Bauchgegend wegdenken. Auch die Wangen waren etwas schmaler gewesen, und auf dem Kopf waren einst mehr Haare gewesen.

Für einen kurzen Moment verlor Anne die Fassung, stieß einen unkontrollierten Aufschrei aus. Doch schnell fing sie sich wieder. Konnte das wahr sein? War der Mann, der vor ihr stand, tatsächlich ihr Gemahl. Nach 25 Jahren?

Wie alt mochte er mittlerweile sein? Etwa Mitte Vierzig, vielleicht auch 46 Jahre. Sie musterte den Mann vor ihr noch einmal. Das Alter konnte stimmen.

Der Reiter breitete seine Arme aus, als wollte er sie in seine Arme schließen.

»Guten Abend, Anne«, begrüßte er sie dann. »Erkennst du mich nicht? Ich bin es. William. Dein Mann.«

Er machte einen Schritt auf sie zu, doch Anne trat unwillkürlich zurück. In der Hand hielt sie noch immer den Schürhaken.

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